Ein paar Gedanken zu Yoga

Yoga - Dehnen - Beweglichkeit

In unserer Wahrnehmung von Yoga dominieren Bilder schöner, gelenkiger Menschen in beeindruckenden Körperstellungen.
Es sind Körperstellungen, die von ausserordentlicher Beweglichkeit und Dehnfähigkeit des Körpers zeugen. Das geht so weit, dass der Glaube entsteht, grosse Beweglichkeit und Dehnen seien Werte an sich.
Wer aber bestimmt, wieviel Dehnen für den konkreten, individuellen Körper gesund ist? Wenn wir uns dabei von solchen Bildern (ver-)leiten lassen, kann das unerwünschte Auswirkungen haben.

Dehnung (Beweglichkeit) geht grundsätzlich zu Lasten von Stabilität. Das ist der Preis, wenn ein gesundes Mass in der Beweglichkeit überschritten wird. In einer Yoga-Praxis, die der Gesundheit des Menschen verpflichtet ist, geht es deshalb nicht um maximales Dehnen, sondern um ein ausgewogenes Verhältnis von Beweglichkeit und Kraft.

Wer z.B. über längere Zeit täglich einem Bild der vollkommenen Stellung der Kreuzdehnungsübung (pascimottanasana) nacheifert, nimmt eine Destabilisierung des unteren Rückens in Kauf, auch wenn er oder sie zum Ausgleich Kräftigungsübungen durchführt.

Es fragt sich immer, wozu eine Beweglichkeit weit über dem natürlichen Mass (das bei jedem Menschen anders definiert ist) dient. Nützt sie uns im Alltag? Fördert sie unsere Gesundheit? Oder zeigt sie etwa unseren Fortschritt auf dem Yoga-Weg?
Dann wäre zu wünschen, dass der Yoga-Praxis tiefere, feinere Werte zugrunde gelegt werden, als solch äusserliche Dinge, die überall als Inhalt des Yoga schlechthin dargestellt werden.

Yoga kann und soll auf der körperlichen Ebene helfen, eine natürliche Beweglichkeit wiederzuerlangen, wenn diese aufgrund zu geringer Bewegung, schlechter Haltung usw. verloren gegangen ist.
Die Faszination für Yoga sollte sich mit der Zeit aber von diesen rein körperlichen Aspekten lösen und sich durch die Erfahrung von Ruhe, Bewusstsein, Zufriedenheit und Ausgeglichenheit im hektischen Alltag nähren. Es geht nicht darum, Bildern von Yoga-Körperstellungen zu genügen, sondern umgekehrt, Yoga-Übungen für das eigene Wohlbefinden und die persönliche Entwicklung zu nutzen.

 

Februar 2017 / Guido Buser